Trans, inter, nicht-binär: Was Kinder beim Coming-out von ihren Eltern brauchen
„Ein Coming-out ist nicht der Endpunkt, sondern der Anfang eines Weges.“
„Mama, Papa, ich muss euch etwas sagen: Ich fühle anders.“ Vielleicht ist es nur dieser kurze Satz, der Eltern plötzlich in ein Gefühlschaos stürzt. Liebe, Sorge und Angst drängen sich auf, begleitet von dem Wunsch, alles richtig machen zu wollen und das eigene Kind zu schützen. Für Familien, deren Kinder äußern, dass sie nicht als heterosexuell fühlen oder dass sie sich einem anderen Geschlecht zugehörig fühlen, beginnt ein Weg, der anfangs verunsichern kann. In Nordrhein-Westfalen unterstützt neben anderen Einrichtungen die Beratungsstelle Lebenslust Eltern und Kinder mit Erfahrung, Fachwissen und viel Verständnis.
Ein Interview mit Zero Liß und Phillip Küper von der Beratungsstelle Lebenslust über:
Coming-out und was Kinder jetzt brauchen
Unterstützung im Familienalltag
Mobbing, Ausgrenzung und den Umgang damit
Geschützte Räume und Anlaufstellen
Chancen für die Eltern-Kind-Beziehung
Sorgen und Fragen von Eltern
Zero A. Liß: Die Eltern, die sich an uns wenden, bringen meistens schon eine grundsätzliche Offenheit mit. Sie wollen ihr Kind verstehen und unterstützen, fühlen sich aber häufig überfordert, weil sie diesen Weg selbst kaum kennen. Viele Fragen lassen sich zunächst gut über Informationen sortieren: Was bedeutet zum Beispiel trans*, inter* oder nicht-binär? Welche Schritte können möglich sein? Welche müssen noch gar nicht entschieden werden?
Gleichzeitig geht es oft um starke Gefühle. Viele Eltern haben Angst vor Ausgrenzung, Mobbing oder einem langen, belastenden Weg für ihr Kind. Dahinter steht meist der Wunsch, das eigene Kind zu schützen. Manche fragen sich auch: „Habe ich etwas übersehen?“ oder „Warum habe ich das nicht früher gemerkt?“ In der Beratung geht es dann darum, diese Sorgen ernst zu nehmen und Eltern so zu stärken, dass sie ihrem Kind gut zur Seite stehen können.
Phillip Küper: In der Beratung geht es deshalb oft zunächst darum, Druck herauszunehmen. Eltern müssen nicht sofort alles wissen und nicht auf jede Frage eine fertige Antwort haben. Wichtig ist, die eigenen Sorgen zu sortieren, damit sie dem Kind Sicherheit geben können, statt die Unsicherheit ungewollt an das Kind weiterzugeben. Häufige Fragen sind: „Wie reagiere ich richtig?“, „Was braucht mein Kind jetzt von mir?“, „Woher weiß ich, ob das eine Phase des Ausprobierens ist?“ oder „Wie kann ich mein Kind vor Ausgrenzung schützen?“
Coming-out und was Kinder jetzt brauchen
Phillip Küper: Wenn ein Kind oder eine jugendliche Person über die eigene Geschlechtsidentität spricht, ist das oft ein großer Vertrauensbeweis. Das gilt unabhängig davon, wie gut die Beziehung zu den Eltern ist, denn solche Gedanken und Gefühle zu teilen macht verletzlich. Viele junge Menschen haben lange überlegt, ob sie diesen Schritt gehen können und bringen auch Angst vor Ablehnung mit. Diese Angst ist nicht unbegründet – gerade, wenn man sieht, wie geschlechtliche Vielfalt teilweise in sozialen Medien oder öffentlichen Debatten behandelt wird.
Was sie dann am meisten brauchen, ist eine ruhige, zugewandte Reaktion: Zuhören, ernst nehmen und erst einmal da sein. Eltern müssen nicht alles sofort verstehen und auch nicht sofort eine Patentlösung haben. Aber sie sollten deutlich machen: „Du bist mein Kind, ich bin da und wir gehen diesen Weg gemeinsam.“
Zero A. Liß: Das hat auch deshalb so viel Gewicht, weil Eltern für junge Menschen meist die nächsten Bezugspersonen sind. Man lebt zusammen, sieht sich im Alltag, das Zuhause ist an die Eltern geknüpft und viele wichtige Entscheidungen, Ressourcen und Sicherheiten hängen von ihnen ab.
Und – ein Coming-out gegenüber den Eltern lässt sich nicht einfach zurücknehmen. Viele Kinder und Jugendliche wissen vorher nicht, wie ihre Eltern reagieren werden, weil geschlechtliche Vielfalt in vielen Familien kein selbstverständliches Alltagsthema ist. Darum ist es hilfreich, wenn Eltern schon grundsätzlich signalisieren: Geschlechtliche Vielfalt ist für uns nichts Bedrohliches. Das kann nebensächlich passieren, indem man beim Abendessen mal über bekannte trans* Personen spricht, zum Beispiel über Schauspieler wie Elliot Page. Und auch nach einem Coming-out dürfen Eltern selbstverständlich Fragen stellen – respektvoll und mit Rücksicht auf das Tempo des Kindes.
Unterstützung im Familienalltag
Zero A. Liß: Ein Coming-out ist ja in der Regel nicht der Endpunkt, sondern eher der Anfang eines Weges. Wichtig ist zunächst, dass Eltern die Mitteilung wohlwollend aufnehmen – auch dann, wenn sie noch nicht alles verstehen. Kinder und Jugendliche brauchen in diesem Moment die klare Botschaft: „Ich liebe dich, und zwar dich als ganzen Menschen.“
Gleichzeitig bedeutet ein Coming-out nicht, dass junge Menschen selbst schon alle Antworten kennen. Manche wissen vielleicht nur: Das bisherige Geschlecht oder die bisherige Zuschreibung passt nicht – aber was genau daraus folgt, ist noch offen. Eltern können hier Ressourcen anbieten, ohne zu drängen. Zum Beispiel: „Ich habe gesehen, dass es in unserer Stadt ein Angebot für trans*, inter* und nicht-binäre junge Menschen gibt. Wenn du möchtest, kann ich dich begleiten oder hinfahren.“
Besonders stärkend ist es, wenn Eltern sich auch selbst informieren. Nicht, um das Kind mit Wissen zu überfahren, sondern damit Gespräche leichter werden und das Kind merkt: Meine Eltern setzen sich mit dem auseinander, was mich betrifft.
Phillip Küper: Auf dem weiteren Weg erleben viele Jugendliche, dass sie sich immer wieder erklären müssen oder nicht ernst genommen werden. Dazu kommen Unsicherheit in Schule, Familie oder im Freundeskreis, Angst vor Ablehnung und manchmal auch Diskriminierung. Für viele junge Menschen ist es deshalb stärkend, Kontakt zu Gleichaltrigen zu haben, die ähnliche Fragen, Erfahrungen oder Themen mitbringen – zum Beispiel in LSBTIQ* Jugendzentren.
Zero sagte eben schon, dass Eltern helfen können, indem sie das Tempo ihres Kindes respektieren. Aber auch einfach Namen und Pronomen ernst zu nehmen und nachzufragen, ohne auszufragen, ist das, was jungen TIN* wirklich Rückenwind gibt. Entscheidend ist verlässlich, ansprechbar und „in Beziehung“ zu bleiben.
Mobbing, Ausgrenzung und den Umgang damit
Zero A. Liß: Diese Sorge darf da sein. Eltern möchten ihr Kind schützen und Schule, Ausbildung oder Freizeitorte sind wichtige Lebensbereiche, in denen Kinder und Jugendliche viel Zeit verbringen. Die Sorge ist auch nicht aus der Luft gegriffen: Etwa 55 Prozent der befragten jungen TIN* Personen geben an, beschimpft oder beleidigt worden zu sein, etwa 34 Prozent berichten von Ausgrenzung oder Ausschluss. Gleichzeitig ist entscheidend, diese Sorge nicht ungefiltert auf das Kind zu übertragen, sondern daraus konkrete Unterstützung abzuleiten.
Wichtig ist immer die Absprache mit dem Kind: Nur weil sich ein Kind den Eltern anvertraut hat, bedeutet das nicht automatisch, dass alle anderen es auch wissen sollen. Gemeinsam kann überlegt werden, wer einbezogen werden sollte und wo Schutz oder Unterstützung gebraucht wird. Eltern können dabei ihre Rolle als Erwachsene nutzen, zum Beispiel im Gespräch mit Lehrkräften, Erzieher*innen, Ärzt*innen oder Vereinen – besonders dort, wo junge Menschen selbst nicht ernst genug genommen werden.
Phillip Küper: In Schulen kann es hilfreich sein, geschlechtliche Vielfalt auch unabhängig von einem konkreten Outing zu thematisieren, etwa durch Sensibilisierung oder Unterrichtseinheiten. Bei uns gibt es beispielsweise das Projekt „together education“ – hier gehen junge LSBTIQ* in Schulklassen und geben spielorientierte Workshops zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt auf Augenhöhe. Für diese Workshops werden sie von einer Fachkraft qualifiziert und langfristig begleitet.
Eine gute Orientierung für Eltern kann sein: Wenn mein Kind diesen Schritt gehen möchte, dann soll es dort Unterstützung bekommen – und wenn ein Umfeld dauerhaft nicht akzeptierend ist, müssen Alternativen mitgedacht werden. Am Ende muss immer klar sein: Namen, Pronomen, Privatsphäre und Schutz vor Diskriminierung sind keine Nebensachen. Eltern können hier Brücken bauen und zugleich deutlich machen: Mein Kind hat ein Recht darauf, respektvoll behandelt zu werden.
Geschützte Räume und Anlaufstellen
Zero A. Liß: Im Verlauf wird deutlich, wie abhängig junge Menschen von den Reaktionen ihres Umfelds sind: Familie, Schule, Freundeskreis, Ausbildung, Sportverein oder andere Freizeitorte können stärkend sein – sie können aber auch verunsichern oder ablehnend reagieren. Wenn mehrere dieser Bereiche schwierig sind, kann ein Kind oder eine jugendliche Person schnell das Gefühl bekommen, allein damit zu sein. Deshalb sind geschützte Räume wie LSBTIN* Jugendzentren und weitere Ansprechpersonen so wichtig.
Beratungsstellen wie die Lebenslust können zusätzlich Orientierung und Unterstützung geben – für Jugendliche, Eltern und Angehörige. In NRW gibt es darüber hinaus weitere LSBTIQ* Beratungsstellen und Fachstellen, zum Beispiel die Rosa Strippe in Bochum, das rubicon in Köln oder kommunale Beratungsangebote für trans*, inter* und nicht-binäre Menschen. Wichtig ist die Botschaft: Familien müssen diesen Weg nicht allein gehen.
Phillip Küper: Räume wie LSBTIQ* Jugendzentren sind ja auch nicht nur dann wichtig, wenn es Probleme gibt. Gerade im Jugendalter gehört es zur Entwicklung dazu, sich eigene Bezugspersonen und Peer-Gruppen zu suchen, selbstständiger zu werden und sich Schritt für Schritt von den Eltern zu lösen. Für queere Jugendliche ist es dabei besonders wertvoll, Orte zu haben, an denen sie andere junge Menschen mit ähnlichen Erfahrungen treffen, sich austauschen und ohne ständigen Erklärdruck ausprobieren können. Als Raum für Begegnung, Freizeit, Unterstützung und persönliche Entwicklung setzen together und andere LSBTIQ* Jugendzentren genau hier an.
Aber auch Eltern brauchen solche Räume – und das nicht nur zur Beratung. Besonders der Austausch mit anderen Eltern kann entlasten, weil deutlich wird: Wir sind mit unseren Fragen nicht allein. In Essen bietet zum Beispiel der QueerFamily-Stammtisch der Lebenslust Beratungsstelle einen Rahmen für Eltern und Angehörige, um ins Gespräch zu kommen, Erfahrungen zu teilen und Unterstützung zu finden.
Chancen für die Eltern-Kind-Beziehung
Zero A. Liß: Ein Coming-out wird oft zuerst als Verunsicherung erlebt, kann aber auch eine große Chance sein. Wenn ein Kind sich anvertraut, zeigt es: „Ich möchte, dass ihr mich wirklich kennt.“ Familien, die diesen Moment offen aufnehmen, können oft eine tiefere Verbindung entwickeln. Eltern lernen ihr Kind noch einmal bewusster kennen und Jugendliche erleben, dass Liebe nicht an Bedingungen geknüpft ist.
Phillip Küper: Genau. Wenn Eltern offen und liebevoll reagieren, erleben viele Kinder und Jugendliche eine enorme Entlastung. Sie müssen einen wichtigen Teil von sich nicht mehr verstecken und können dadurch freier, sicherer und oft auch selbstbewusster werden. Das Kind merkt: Ich werde gesehen und geliebt, auch mit dem, was vielleicht neu oder ungewohnt für meine Eltern ist. Manchmal blühen junge Menschen richtig auf, wenn sie spüren, dass sie zu Hause nicht um Anerkennung kämpfen müssen. Das ist für die ganze Familie ein Gewinn.
Professionelle Beratung für Familien
Phillip Küper: Eltern können sich immer dann beraten lassen wenn Fragen, Unsicherheiten oder Gesprächsbedarf entstehen – dafür muss es keine Krise geben. Manchmal reicht schon ein einzelnes Gespräch, um Gedanken zu sortieren, Begriffe besser einzuordnen oder nächste Schritte im Familienalltag zu überlegen. Bei Lebenslust ist Beratung vertraulich, wertschätzend und ergebnisoffen. Das gilt selbstverständlich auch für die anderen psychosozialen Beratungsstellen für LSBTIQ* in Nordrhein-Westfalen, die nach gemeinsam entwickelten Qualitätsstandards arbeiten. Gemeinsam mit der Familie wird geschaut, was gerade gebraucht wird: Manchmal ist es sinnvoll, dass Eltern zunächst allein kommen, um eigene Fragen zu klären. In anderen Fällen kann ein gemeinsames Gespräch mit dem Kind oder weiteren Familienmitgliedern hilfreich sein. Das wird immer im Einzelfall besprochen. Ziel ist nicht, Eltern zu bewerten, sondern alle Beteiligten darin zu unterstützen, gut miteinander im Gespräch zu bleiben.
Das Wichtigste, was Eltern ihrem Kind mitgeben können
Phillip Küper: Eltern müssen nicht perfekt reagieren und nicht sofort alles verstehen. Wichtig ist, dass das Kind spürt: Meine Eltern bleiben an meiner Seite. Nehmen Sie sich Zeit, holen Sie sich Informationen und Unterstützung und bleiben Sie im Gespräch. Eine zugewandte, lernbereite Haltung ist das, was für junge TIN* den Unterschied macht.
Zero A. Liß: Das würde ich sehr unterstreichen. Ein Coming-out verändert nicht den Menschen. Es verändert eher die Wahrnehmung, die andere bisher von diesem Menschen hatten. Das Kind ist nicht plötzlich jemand anderes – es zeigt etwas, das vielleicht schon länger da war und nun ausgesprochen werden kann. Kinder und Jugendliche brauchen in Findungsphasen Stabilität. Wenn Eltern diese Stabilität geben können, ist das ein großer Schutzfaktor.
Wichtig ist außerdem: Trans*, inter* und nicht-binäre Menschen können ein gutes und erfülltes Leben führen. Natürlich gibt es Herausforderungen und nicht überall sind die Bedingungen gleich. Aber gerade in Deutschland und auch in Nordrhein-Westfalen gibt es heute viele Unterstützungsstrukturen, Beratungsangebote und Community-Räume.
Über Zero A. Liß und Phillip Küper
Zero Liß ist Vorsitzende des SVLS e.V., Leiterin der Gruppe TIN*clusiv und Beraterin der Lebenslust Beratungsstelle in Mülheim an der Ruhr. Phillip Küper leitet die Lebenslust Beratungsstelle sowie das queere Jugendzentrum „together“ in Essen.
Organisiert und verantwortet werden die Angebote von dem gemeinnützigen Verein SVLS e.V.. Der SVLS e.V. ist Träger der Lebenslust Beratungsstellen sowie der together Jugendprojekte. Er ermöglicht neben psychosozialer Beratung und Aufklärung vielfältige Kontaktmöglichkeiten für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans*, Inter* und Nicht-Binäre im Ruhrgebiet und am Niederrhein. Im SVLS e.V. engagieren sich seit 1998 Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans*, Inter* und Nicht-Binäre sowie Menschen mit HIV/AIDS jeden Alters und verschiedener Kulturen gemeinsam für mehr Sichtbarkeit und Akzeptanz vielfältiger Lebensformen und Lebensweisen. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf jungen LSBTIN* mit ihren besonderen Herausforderungen sowie LSBTIN* in Krisen oder schwierigen Lebenssituationen.
Wir danken dem gemeinnützigen Verein SVLS e.V. mit seinen Angeboten der Lebenslust Beratungsstellen und den queeren Jugendzentren „together“ für die Unterstützung bei diesem Beitrag.
Wo finden wir Hilfe und Beratung?
In Nordrhein-Westfalen gibt es aktuell sieben landesgeförderte psychosoziale Beratungsstellen für LSBTIQ* Menschen und ihre Angehörigen. Das Angebot richtet sich ausdrücklich auch an Eltern.
Weitere Informationen finden Sie über die jeweilige Website:
- Lebenslust Mobile Beratungsstelle Niederrhein und westliches Ruhrgebiet, SVLS e.V.
www.lebenslust-beratungsstelle.de - Queer*Connect, Aidshilfe Bielefeld e. V., Bielefeld
www.aidshilfe-bielefeld.de, Telefon: +49 521 133388 - Rosa Strippe e.V., Bochum
www.rosastrippe.de, Telefon: +49 234 19 446 - LEBEDO, SLADO e.V. Dortmund
www.lebedo.de, Telefon: +49 231 98 22 14 40 - Rubicon e. V., Köln
https://rubicon-koeln.de/beratung/, Telefon: +49 22127 66 99 90 - KCM e. V. Münster - Verein für queeres Leben
www.kcm-muenster.de, Telefon: +49 251 66 56 86 - andersROOM - Queere Initiative Siegen e.V.
www.andersroom.de, Telefon: +49 271 53 297