Echte Männer reden

Über Gefühle zu sprechen, fällt Männern oft schwer. Die Berater des Projektes „Echte Männer reden” bieten Hilfe an.

Wenn die Worte fehlen

Überlastung im Familienalltag, Auseinandersetzungen im Job, Streit in der Partnerschaft: Konflikte kommen in allen Familien und in jedem einzelnen Leben vor. Für ihre Lösung ist es wichtig, über eigene Herausforderungen und Schwierigkeiten zu reden. Das ist nicht immer leicht. Besonders Männern fällt es oft schwer, ihre Gefühle, Wünsche und Gedanken in Worte zu fassen. Die Berater des Netzwerks „Echte Männer reden” bieten Hilfe an und steuern mit ihren Angeboten der Sprachlosigkeit entgegen. Wir haben mit Männerberater Björn Süfke über das Angebot gesprochen.

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Der Sprachlosigkeit entgegenwirken

Fällt es Ihnen manchmal schwer, Ihre Gefühle und Gedanken in Worte zu fassen – insbesondere dann, wenn es Ihnen nicht gut geht? Zum Beispiel, wenn es um Auseinandersetzungen in der Partnerschaft geht oder um Überforderung im Beruf?

Wer die eigene Unzufriedenheit ignoriert, einfach weiter funktioniert und negative Gefühle unterdrückt, macht die Situation auf Dauer nur schlimmer. Das kann zu gesundheitlichen Belastungen und ernsten Problemen in der Partnerschaft, der Familie und im Beruf führen. Die Folgen sind manchmal dramatisch und führen dazu, dass Männer in ihrem Verhalten sich selbst oder anderen gegenüber zerstörerisch handeln.

Leicht erreichbare Gesprächsangebote bieten Unterstützung in solchen Krisenphasen. Die nordrhein-westfälischen Berater des Projektes „Echte Männer reden” haben sich auf eben solche Gespräche von Mann zu Mann spezialisiert. Einer von ihnen ist Björn Süfke von der man-o-mann Männerberatung in Bielefeld:

Herr Süfke, Sie beraten seit 25 Jahren ausschließlich Männer. Wie kam es zu dieser Spezialisierung und was ist aus Ihrer Sicht das häufigste Problem, das Männer mitbringen?

Björn Süfke: Schon im Studium vor 30 Jahren habe ich angefangen, mich fast ausschließlich mit Gender-Themen zu beschäftigen: Dem Geschlechterverhältnis im Allgemeinen, vor allem aber mit Männlichkeitskonstruktionen, der Psyche der Männer. Direkt nach dem Studium habe ich dann als Psychologe in der Männerberatungsstelle angefangen, zudem ein paar Bücher übers Mann- und Vater-Sein geschrieben … nun ja, das Thema lässt mich offenkundig nicht los!

Meiner Erfahrung nach ist das größte Problem der Männer – verkürzt gesagt – diese stark verinnerlichte Gefühlsabwehr. Aufgrund unserer Sozialisation haben wir oft gelernt, unsere Gefühle zu unterdrücken.

Warum genau wehren Männer denn so häufig Gefühle ab?

Weil wir in einer Gesellschaft leben, in der Gefühlsabwehr quasi der Kern des traditionellen – heute sagen wir auch „toxischen“ – Männlichkeitsbilds ist. Der Mann soll Ernährer, Beschützer und Fels in der Brandung sein. Trauer, Angst, Hilflosigkeit, Schuld und Scham passen nicht zu diesem Bild. Das einzige tolerierte Gefühl ist eigentlich Ärger – der gilt als „kräftig“ und damit „männlich“. Alle anderen Gefühle kriegen wir von klein auf abtrainiert. Zu meiner Kindheit hieß es noch „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“.

Diese Abspaltung der Gefühle geschieht aber auch viel subtiler, einfach dadurch, dass weinende Männer in der Gesellschaft und in den Medien kaum vorkommen. Man sieht als Junge oft keinen einzigen Vater, Onkel oder Erzieher, der Gefühle zum Ausdruck bringt. Zudem werden die Gefühle von Jungen weniger ernstgenommen als die von Mädchen – es wird schlicht nicht so stark auf sie eingegangen. All das führt dazu, dass Männer lernen, Gefühle immer stärker abzuwehren. Fragt man schließlich einen erwachsenen Mann, wie es ihm geht, kommt häufig die Antwort: „Passt schon!“ Und das ist dann nicht gelogen oder so, sondern eben das, was der Mann tatsächlich wahrnimmt in diesem Moment. Er hat keinen Zugang zu dem, was gerade in seinem Inneren passiert, weil er so gut gelernt hat, diesen Gefühlszugang abzuspalten.

Wie unterscheiden sich denn die Gefühle von Männern und Frauen?

Gar nicht: Alle Menschen, ob männlich, weiblich, intersexuell, nonbinär, haben dieselben Gefühle – nämlich prinzipiell alle. Das Problem aber ist: Die Gesellschaft – vermittelt über alltägliche Handlungen, über Erziehung, die Medien, die Arbeitswelt usw. – weist den Geschlechtern nur bestimmte Gefühle zu. Beziehungsweise Männern eben eigentlich nur Ärger. Ärger wird dabei oft sogar in einen eher positiven Zusammenhang gestellt, denn er motiviert Männer dazu, zu kämpfen, sich durchzusetzen, sich zu behaupten und zu gewinnen. Frauen dagegen sollen genau dieses Gefühl Ärger nicht haben, weil sie sonst gegen die Verhältnisse aufbegehren würden. Frauen dürfen alles sein: traurig, ängstlich, hilflos, schuldig, aber sie sollen „brav im Kämmerchen bleiben” und mit ihrem Ärger nicht nach außen treten. Bei Männern ist es genau andersherum.

Verspüren Männer wirklich ständig so viel Ärger?

Wenn ein Mann ärgerlich ist, kann es genauso gut sein, dass er eigentlich traurig oder ängstlich ist. Er weiß das nur manchmal gar nicht … Insofern verstecken sich oft hinter Ärger ganz andere Emotionen.

Ist das Männerbild in den vergangenen Jahren nicht sehr viel durchlässiger geworden? Wird nicht mittlerweile von Männern sogar erwartet, dass sie statt ärgerlich eher empathisch und sanft sein sollen?

Es verändert sich etwas, aber sehr, sehr langsam. Seit etwa zehn, 15 Jahren sieht man hier eine Entwicklung, allerdings auch vor allem in akademischen Kreisen. Aber ja, immer mehr Männer kommen jetzt wirklich von sich aus in die Beratung – und nicht, weil Sie von Gerichten, ärztlichem Personal oder ihrem persönlichen Umfeld geschickt wurden. Viele erleben die Anforderung, beides sein zu müssen, traditionell männlich und emotional zugewandt. Diese Doppelanforderung ist natürlich belastend...

Dennoch würden die meisten Männer deshalb nicht in eine Beratungsstelle gehen – oder überhaupt mit irgendjemandem über persönliche Schwierigkeiten sprechen. In Umfragen sehen wir weiterhin, dass eine große Mehrheit der Männer angibt, mit persönlichen Problemen lieber alleine fertig zu werden. Der Großteil sucht sich erst dann Hilfe, wenn die Partnerschaft gescheitert ist, sie gewalttätig geworden sind oder nachdem sie schon jahrelang sexuelle Schwierigkeiten oder gesundheitliche Probleme hatten.

Wie finden Sie Zugang zu den Männern, die zu Ihnen in die Beratung kommen?

Auch für die beraterische Arbeit sind die Gefühle entscheidend, da sie Informationen darüber liefern, wie wir unser Leben gestalten wollen. Vor dem Hintergrund dessen, was wir eben besprochen haben, ist es nicht verwunderlich, dass die meisten Männer zunächst eine Menge Unterstützung benötigen, um zu ihren Gefühlen durchzudringen. Da kann ich mich nicht so klassisch beraterisch zurücklehnen und warten, was sie von sich aus erzählen. Mit Männern muss ich etwas konfrontativer umgehen als mit Frauen, sie direkter ansprechen und auf Dinge stoßen. Ich konfrontiere sie beispielsweise mit der Art, wie sie reden. Wenn sich das alles sehr rational anhört und keine Gefühle zum Vorschein kommen, unterbreche ich sie und spreche genau das an. Natürlich auf eine liebevolle Art, um keine weitere Abwehr zu provozieren. Im weiteren Gespräch benenne ich dann auch Gefühle, die ich wahrzunehmen meine, die sie selber aber verbal nicht ausdrücken. Wenn ich dabei einigermaßen verständnisvoll bin, gelingt es den meisten Männern nach und nach, ihre Gefühlsabwehr ein Stück zu überwinden. Anschließend können wir dann zu den weiteren Problemen vordringen – und für diese meist recht schnell gute Lösungen finden. Im Lösungen-Finden und vor allem im Umsetzen sind Männer oft nämlich wahnsinnig gut, das kommt häufig ihrer Lösungs- und Handlungsorientierung sehr entgegen – das ist dann sozusagen ein Heimspiel …

Es ist also Übungssache, seine Gefühle differenziert wahrzunehmen?

Absolut, das können Sie im Prinzip trainieren. Ich gebe meinen Klienten dazu auch Hausaufgaben: Ich bitte sie etwa, sich eine halbe Stunde täglich an ihren Lieblingsort zu setzen, irgendwo, wo keine Ablenkung ist. Dann sollen sie in sich hineinhorchen und einfach beobachten, was da kommt. Für die meisten Männer sind diese 30 Minuten am Anfang die reine Tortur. Einigen gebe ich auch auf, sich ganz bewusst bei Netflix einen emotionalen Film herauszusuchen, nichts aus der Kategorie Thriller, Science-Fiction oder Spionage, wie es Männer sonst gern wählen. Sie sollen einen Film wählen, der sie vielleicht berühren könnte, denn auch das gibt ihnen Informationen darüber, was in ihnen selbst vorgeht. Ich selbst kann Ihnen mittlerweile allein aufgrund der fünf Zeilen, mit denen ein Film beschrieben wird, oft schon sagen, ob ich weinen werde oder nicht. Ich weiß einfach nach all den Jahren recht genau, was mich berührt. Bei einem Vater-Sohn-Thema oder einer Teenager-Liebesgeschichte werde ich sofort heulen, vielleicht sogar mehr als bei einem Kriegsdrama.

Warum ist es eigentlich so wichtig, alle Gefühle wahrzunehmen und zu akzeptieren?

Gefühle sind Informationsquellen, das ist ihr evolutionärer Sinn. Angst zeigt an, wenn Gefahr droht. Wenn Sie nicht in der Lage wären, Angst zu empfinden, wären Sie schon längst tot. Ärger sagt Ihnen, dass Ihre Grenze in irgendeiner Form überschritten wurde. Trauer und Freude bedeuten, dass Ihnen etwas wichtig ist. Sich schuldig zu fühlen ist meist die Folge davon, dass Sie etwas moralisch Verwerfliches getan haben. Hilflosigkeit macht klar, dass Sie alleine nicht weiterkommen. All diese Gefühle liefern lebenswichtige Informationen. Wenn Sie diese Informationen nicht hören können, sind sie aufgeschmissen und müssen sich an Vorgaben von anderen orientieren, an irgendwelchen Gebrauchsanweisungen, Ratgebern und Vorgaben, die Ihre Eltern oder Ihr Partner Ihnen machen.

Wie geht man mit diesen Informationen am besten um? Und welche Rolle spielt der Verstand für das Handeln?

Man sollte seine Gefühle ernst nehmen, aber beim Handeln natürlich auch seinen Verstand einschalten. Die Gefühle liefern gewissermaßen die Informationen, was Sache ist; der Verstand hilft bei der Auswahl einer angemessenen Umgangsweise mit dem jeweiligen Gefühl. Fakt ist aber: Die Gefühle sind immer da, auch wenn ich mich nicht mit ihnen beschäftige, und der schärfste Verstand kann sie nicht ersetzen. 
 
Das ideale Vorgehen wäre es, die eigenen Gefühle gut wahrzunehmen, durch Selbstreflektion die Informationen dahinter zu verstehen und dann angemessene Handlungen zu planen. Passiert dies nicht, neigt man dazu, in unbewusste Handlungen zu verfallen, die nicht immer die besten sind.

Männer kommen offenbar ihr ganzes Leben damit durch, den Zugang zu ihren Emotionen auf einem Minimum zu halten. Bis sie dann in einer Beziehung mit einer Frau sind ...

In vielen Lebensbereichen sind Männer in der Tat nicht so stark auf ihre Gefühle als Informationsquellen angewiesen. Bei der Arbeit wissen sie genau, was zu tun ist. Wenn sie mit ihrem Kumpel Sport machen oder über sachliche Themen reden, sind sie auch nicht auf Informationen aus ihrem tiefsten Inneren angewiesen. Anders sieht das dann in der Partnerschaft aus. Frauen fordern oft eine gewisse Emotionalität ein und auf diese Weise werden dann viele Männer zum ersten Mal damit konfrontiert, dass sie gar nicht so genau wissen, wie es ihnen an dieser oder jenen Stelle geht.

Wie kann es Paaren gelingen, besser zu kommunizieren?

Mit mehr Verständnis füreinander. Männer verstehen oft nicht, wie Frauen sozialisiert sind und was das Sprechen für sie bedeutet. Frauen wiederum kann es helfen, wenn sie begreifen, wie Männer beim Heranwachsen gezwungen werden, ihre Emotionen abzuwehren. Und wie schwer es dann ist, als erwachsener Mensch Kontakt zu seinen Gefühlen aufzunehmen, auch wenn jemand einen liebevoll danach fragt. Man kann da nicht einfach einen Schalter umlegen. Wer das verstanden hat, nimmt es nicht mehr so persönlich, wenn der Mann vielleicht manchmal ausweicht … und fühlt sich eventuell auch weniger verletzt.

So läuft eine „Echte Männer reden“-Beratung ab

Die professionellen Berater stehen hilfesuchenden Vätern bei spezifischen Problemen zur Seite. Sie helfen Männern das auszusprechen, was sie wirklich empfinden und nicht das, was von ihnen erwartet wird. Das trägt dazu bei, die Hintergründe der persönlichen Situation besser zu verstehen und Veränderungen einzuleiten.

Ziel der Beratungen ist es, Männern Rüstzeug dafür an die Hand zu geben, gut mit sich selbst und mit den Menschen umzugehen, zu denen Sie in engen Beziehungen stehen.

Die Experten unterstützen dabei, die eigenen Gefühle zu sortieren sowie Ursachen und Hintergründe der eigenen Schwierigkeiten zu verstehen. Gemeinsam wird erörtert, welche neuen Wege der Auseinandersetzung möglich sind.  

Wo finden wir Hilfe und Beratung?

Die Gesprächsangebote von Männern für Männer bieten vielfältige thematische Unterstützung in Krisenzeiten. Bei den Männerberatern handelt es sich um speziell ausgebildete Experten mit langjähriger Erfahrung. Die Berater bieten sowohl Einzelberatungen als auch Gruppenkurse an – in vielen Orten Nordrhein-Westfalens. Ausführliche Informationen und eine Übersichtskarte der Berater finden sie unter https://echte-männer-reden.de/.

Befinden Sie sich in einer Krise und wollen lieber online beraten werden? Über die Online-Plattform der Caritas erhalten Jungen und Männer eine kostenlose Beratung: einfach, schnell, sicher und, wenn gewünscht, auch anonym.

Darüber hinaus listet das Männerberatungsnetz bundesweit Beratungsangebote auf, die Jungen, Männer und Väter ansprechen, auf Männerbelange zugeschnitten sind und bei denen auf professionelle Art männliche Rollenbildern und Stereotypen reflektiert werden können erfolgt. Eine Beratungslandkarte zeigt Ihnen entsprechende Beratungsstellen in Ihrer Nähe.