Portrait Torsten Schrodt
Interview

Unser Kind ist lesbisch, schwul oder bisexuell: Und jetzt?

Was jetzt für Familien wichtig ist – ein Interview.

Text last updated: 2026-10-07

„Nicht selten verändert sich erst mal scheinbar viel, der Mensch bleibt aber derselbe.“

Die eigene Tochter „lesbisch“ oder der Sohn „schwul“ – ein Coming-out läutet eine oft schwierige Zeit für die ganze Familie ein. Liebe, Sorge und Angst drängen sich auf, begleitet von dem Wunsch, alles richtig machen zu wollen und das eigene Kind zu schützen. In Nordrhein-Westfalen unterstützt neben anderen Einrichtungen die Beratungsstelle Lebenslust Eltern und Kinder mit Erfahrung, Fachwissen und viel Verständnis. 

Ein Interview mit Vera van Oyen und Torsten Schrodt von der Beratungsstelle Lebenslust über:

Sorgen und häufige Fragen von Eltern

Was ein Coming-out für junge Menschen bedeutet

Wie Eltern Sicherheit geben können

Herausforderungen in Freundeskreis, Schule und Ausbildung

Unterstützungsangebote, Beratung und Austausch

Das Wichtigste für Eltern zum Schluss

Sorgen und häufige Fragen von Eltern

Familienportal.NRW: Lesbisch, schwul oder bisexuell zu sein, gehört heute ganz normal zum Alltag. Trotzdem bringt ein Coming-out oft Unruhe in die Familien. Wie schätzen Sie die Situation ein? Was sind die typischen Themen, mit denen sich Eltern an ihre Beratungsstelle wenden?

Vera von Oyen: Wir sind gesetzlich und auch gesellschaftlich in vielen Bereichen weiter als noch vor einigen Jahrzehnten. Gleichzeitig erleben wir in unserer Arbeit, dass ein Coming-out für viele Familien zunächst eine Veränderung bedeutet. Und Veränderungen bringen oft Fragen, Unsicherheiten, Sorgen und Konflikte mit sich. Die meisten Eltern, die sich an uns wenden, möchten ihr Kind unterstützen. Viele machen sich – gerade auch in ländlichen Regionen – Sorgen, dass ihr Kind Diskriminierung erleben könnte oder ob das Leben dadurch schwieriger wird. 

Torsten Schrodt: Wir dürfen bei dem Befund der gestiegenen Akzeptanz zwei Dinge nicht vergessen: Einerseits ist die Akzeptanz nicht in allen Teilen der Bevölkerung gleich weit fortgeschritten. Wie selbstverständlich eine Homosexualität gelebt werden kann, ist z. B. immer noch sehr abhängig davon, in welchem Stadtteil man lebt, welche Schule man besucht, welche Hobbys man hat oder auch welcher Berufswunsch besteht. So ist es für viele junge Menschen in ihrem konkreten Lebensumfeld heute nicht viel einfacher als noch in den 90ern. 

Und so hilft es einem jungen Menschen wenig, wenn zwar heute allgemein weniger Eltern die Homosexualität ihres Kindes ablehnen, die eigenen Eltern es aber tun. Zudem erleben wir aktuell wieder einen Anstieg von Ablehnung und auch Gewalt gegenüber homo- und bisexuellen Menschen. Daher ist es auch so wichtig, dass durch queere Jugendarbeit und Jugendberatung die jungen Menschen selbst unterstützt und gestärkt werden. 

Vera von Oyten: Die wieder wachsenden Anfeindungen und steigende Gewalt bekommen natürlich auch die Eltern mit. Viele, die unsere Unterstützung anfragen, machen sich hier große Sorgen. 

„Es ist sehr hilfreich, wenn Eltern sich schon früh bewusst machen, dass ihr Kind später ganz unterschiedliche Lebenswege gehen kann.”

Was ein Coming-out für junge Menschen bedeutet

Zu welchem Zeitpunkt wenden sich junge Menschen typischerweise an ihre Eltern und was bedeutet dieser Schritt für sie? Wäre es sinnvoll, sich bereits sehr früh mit dem Gedanken der sexuellen Orientierung des eigenen Kindes auseinander zu setzen?

Torsten Schrodt: Eltern sind selten die ersten Ansprechpartner*innen für ihre Kinder. Beste Freund*innen oder teilweise auch ganze Freundeskreise werden meistens viel früher eingeweiht und selbst bis dies passiert, vergehen oft Monate oder sogar Jahre, in denen sich der junge Mensch mit der eigenen sexuellen Identität beschäftigt. Diese Zeit ist für die jungen Menschen besonders schwierig, denn auch für sie verändert sich viel; auch sie haben Sorgen und Ängste. Und auch sie hatten heterosexuell geprägte Vorstellungen von ihrem zukünftigen Leben. Eltern bemerken oft früh, dass sich ihr Kind zurückzieht oder verändert, können dies aber nicht einordnen. Wenn der junge Mensch sich dann an die Eltern wendet, hat er sich mit vielen Themen bereits lange beschäftigt. Für die Eltern ist erst mal alles neu. Dieses Ungleichgewicht macht es oft schwierig. Eltern haben Fragen, mit denen sich das Kind nicht mehr beschäftigen will. Manche Fragen, aber auch Worte, die Eltern benutzen, empfindet das Kind als Signal für Ablehnung. 

Vera von Oyten: Ich bin sicher, es ist sehr hilfreich, wenn Eltern sich schon früh bewusst machen, dass ihr Kind später ganz unterschiedliche Lebenswege gehen kann und eben auch lesbisch, schwul oder bisexuell sein könnte. Wenn dies von den Eltern als selbstverständliche Möglichkeit angenommen wird, senden sie auch sehr frühzeitig Signale der Akzeptanz und ebnen so den Weg, dass sich ihr Kind frühzeitig und angstfrei an sie wenden kann. So macht es z. B. einen gewaltigen Unterschied, ob das Kind von den Eltern das Wort „Schwuchtel“ als Schimpfwort lernt oder die Eltern ihm sagen „Wenn Du später mal einen Freund oder eine Freundin hast, …“. Offenheit im Verständnis von Gender und Sexualität wird durch offene Kommunikation vom eigenen Kind ausgehend belohnt. 

Wie Eltern Sicherheit geben können

Welche Ängste und Unsicherheiten haben Eltern, wenn sich ihr Kind outet und wie sollte man mit diesen gegenüber dem Kind umgehen?

Vera von Oyten: Sorge um die Zukunft ihres Kindes ist meist der Kern. Eltern fragen sich, ob es glücklich sein kann oder ob andere Menschen es akzeptieren werden. Aber natürlich gibt es auch viele sehr persönliche Gedanken: Was ist mit Enkelkindern? Wie reagiert die Nachbarschaft? Was sagt der Rest der Familie? Entscheidend ist aber, dass gerade Eltern zwischen ihren eigenen Sorgen und Wünschen und denen ihres Kindes unterscheiden. Ein Coming-out ist für junge Menschen oft ein Moment großer Verletzlichkeit. 

Torsten Schrodt: Manche haben auch noch sehr extreme Vorstellungen, wie sehr sich ihr Kind nun verändern wird. Diese werden nicht selten damit begründet, dass sich ihr Kind in kürzerer Zeit spürbar verändert hat, vielleicht andere Kleidung trägt, andere Freund*innen hat und sich an anderen Orten bewegt. Wichtig ist, Gelassenheit zu bewahren. Nicht selten verändert sich erst mal scheinbar viel, der Mensch bleibt aber derselbe und vieles ist auch nur zeitweise. Wie ein Deckel auf einem Topf kochenden Wassers - je mehr man ihn runter drückt und er dann irgendwann hochspringt - probiert ein junger Mensch, nachdem er es sich lange Zeit nicht getraut hat, vieles einfach mal aus. 

Vera von Oyten: Nicht alles muss man toll finden und bejubeln, aber die Botschaft muss immer sein: Ich habe dich lieb und ich bin für dich da. Eigene Fragen oder Unsicherheiten dürfen Eltern selbstverständlich haben und auch sie verdienen einen Raum. Oft ist es hilfreich, diese nicht nur mit dem eigenen Kind zu besprechen, sondern zunächst mit Beratungsstellen oder anderen Vertrauenspersonen, damit das Kind nicht das Gefühl bekommt, seine Identität sei ein Problem oder würde infrage gestellt. 

„Eltern müssen nicht sofort alles wissen oder jede Frage beantworten können. Es ist völlig in Ordnung zu sagen: Ich möchte dich verstehen und ich informiere mich. ”

Herausforderungen in Freundeskreis, Schule und Ausbildung

Was beschäftigt junge Menschen besonders in den ersten Phasen ihres Coming-outs? Wo liegen besondere Herausforderungen? Welche Rolle spielen Freundeskreis, Schule oder Ausbildung für junge Lesben, Schwule und Bisexuelle?

Torsten Schrodt: In der ersten Phase – die selten jemand mitbekommt – ist es meistens zuerst Verunsicherung über eigene Gefühle und Wünsche, mit denen sie selbst nicht gerechnet haben. Diese müssen – in der Zeit der Pubertät, in der sich ohnehin so viel verändert – erst mal eingeordnet werden. Nicht selten kommt es zu Phasen der Verdrängung oder auch Verleugnung. Einige hoffen auch, dass es nur eine Phase ist, denn noch oft wird jungen Menschen – gerade auch von Gleichaltrigen – deutlich vermittelt, was als „normal“ und was als „nicht-normal“ angesehen wird. Eine große Angst ist, vielleicht nicht mehr dazu zu gehören. 

Vera von Oyten: Freundeskreis, Schule oder Ausbildung spielen dabei eine große Rolle, allein weil dort ein erheblicher Teil des Alltags stattfindet und dort nach wie vor ein immenses Diskriminierungserleben mit häufigen abwertenden Bemerkungen vorherrscht. 

Torsten Schrodt: Nicht selten ist die Akzeptanz im nächsten Umfeld am geringsten. Der Schwule oder die Lesbe wird im Freundeskreis oft sehr auf diese Besonderheit reduziert. Dies führt dazu, dass soziale Kontakte brüchig werden können und neue Freundeskreise erschlossen werden müssen. Dies ist eine zentrale Funktion queerer Jugendarbeit.   

„Junge Menschen kostet ein Coming-out oft viel Mut und Überwindung. Wenn sie erleben, dass sie angenommen werden, gibt ihnen das unglaublich viel Sicherheit.”

Unterstützungsangebote, Beratung und Austausch

Wie können Eltern das Coming-out ihres Kindes gut begleiten? Wo finden Eltern oder auch die Kinder Unterstützung?

Vera von Oyten: Das Wichtigste ist zunächst, zuzuhören und dem Kind zu vermitteln, dass es nichts an der Beziehung verändert. Viele Jugendliche erinnern sich ein Leben lang an die erste Reaktion ihrer Eltern und ihres nächsten Umfeldes. Die meisten Fragen rund um ihre Homo- oder Bisexualität klären sie ohnehin selbst und wünschen sich vor allem Akzeptanz, Selbstverständlichkeit und Offenheit. 

Torsten Schrodt: Begleiten ist hier ein gutes Wort, denn mehr braucht es in der Regel nicht. Wenn das Zuhause als sicherer Hafen empfunden wird und die Stimmung von Offenheit geprägt ist, kommen sie von selbst, wenn sie über etwas sprechen oder zum ersten Mal einen Freund bzw. eine Freundin mit zu einer Familienfeier bringen wollen. Und wie auch heterosexuelle Jugendliche besprechen sie eben auch nicht alles mit ihren Eltern. Interesse zeigen ist selbstverständlich gut. Sie aber ständig mit Fragen zu bombardieren, führt eher zu Konflikten. 

Vera von Oyten: Damit aber genau diese Fragen der Eltern ihren Raum finden können, gibt es verschiedene Beratungsmöglichkeiten und auch Elterngruppen, z. B. von der Lebenslust Beratungsstelle, aber auch anderen LSBTIQ* Beratungseinrichtungen. Wenn es eine solche in der Nähe des Wohnortes nicht gibt, sind oft auch Familienberatungsstellen eine gute Unterstützung. 

Torsten Schrodt: Für die jungen Menschen selbst ist der Kontakt zu anderen queeren Jugendlichen besonders wichtig. Hier geht es nicht nur um Erfahrungsaustausch und neue Kontakte, sondern vor allem um das Gefühl, nicht allein und nicht ungewöhnlich zu sein. In einem queeren Jugendzentrum finden sie genau diesen Kontakt und zudem Fachkräfte, die sie bei Bedarf unterstützen.

„Eltern müssen nicht sofort alles wissen oder jede Frage beantworten können. Es ist völlig in Ordnung zu sagen: Ich möchte dich verstehen und ich informiere mich. ”

Das Wichtigste für Eltern zum Schluss

Was möchten Sie Eltern aus Ihrer langjährigen Erfahrung unbedingt mit auf den Weg geben?

Vera von Oyten: Ich wünsche mir, dass Eltern sich bewusst machen, wie viel ihre erste Reaktion bedeuten kann. Junge Menschen kostet ein Coming-out oft viel Mut und Überwindung. Wenn sie erleben, dass sie angenommen werden, gibt ihnen das unglaublich viel Sicherheit. Perfekt muss dabei niemand reagieren. Entscheidend ist, dass ihr Kind Sicherheit bei Ihnen spürt. Ich werde gesehen. Ich werde ernst genommen. Ich bin weiterhin geliebt. Wer das vermittelt bekommt, hat für die Zukunft alle Wege offengehalten. 

Torsten Schrodt: Ein Coming-out hat das Potenzial, die Beziehung zwischen Eltern und Kind nachhaltig zu verbessern und zu intensivieren. Es ist ein gemeinsamer Prozess, in dem das Kind die Offenheit der Eltern erleben kann und in dem Eltern – oft zum ersten Mal – von ihrem Kind etwas „Neues“ entdecken. Oft schweißt ein solcher Prozess auf besondere Weise zusammen, viele Eltern unterstützen dann auf den CSDs und die Gesprächsatmosphäre zwischen Eltern und Kind ist dauerhaft – auch bei ganz anderen persönlichen Themen – von einer besonderen Offenheit und Respekt geprägt.   

Über Vera van Oyen und Torsten Schrodt

Torsten Schrodt ist seit vielen Jahren Geschäftsführer des SVLS e.V. und Mitbegründer der together Jugendprojekte sowie der Lebenslust Beratungsstellen. Vera van Oyen leitet die queeren Jugendzentren am Niederrhein (together krefeld, together kleve, together geldern und together wesel) und unterstützt die Lebenslust Beratungsstellen insbesondere bei der Beratung von Eltern und Angehörigen. Organisiert und verantwortet werden die Angebote von dem gemeinnützigen Verein SVLS e.V.. Der SVLS e.V. ist Träger der Lebenslust Beratungsstellen sowie der together Jugendprojekte. Er ermöglicht neben psychosozialer Beratung und Aufklärung vielfältige Kontaktmöglichkeiten für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans*, Inter* und Nicht-Binäre im Ruhrgebiet und am Niederrhein. 

Im SVLS e.V. engagieren sich seit 1998 Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans*, Inter* und Nicht-Binäre sowie Menschen mit HIV/AIDS jeden Alters und verschiedener Kulturen gemeinsam für mehr Sichtbarkeit und Akzeptanz vielfältiger Lebensformen und Lebensweisen. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf jungen LSBTIN* mit ihren besonderen Herausforderungen sowie LSBTIN* in Krisen oder schwierigen Lebenssituationen. 

Wir danken dem gemeinnützigen Verein SVLS e.V. mit seinen Angeboten der Lebenslust Beratungsstellen und den queeren Jugendzentren „together“ für die Unterstützung bei diesem Beitrag.


Wo finden wir Hilfe und Beratung?

In Nordrhein-Westfalen gibt es aktuell sieben landesgeförderte psychosoziale Beratungsstellen für LSBTIQ* Menschen und ihre Angehörigen. Das Angebot richtet sich ausdrücklich auch an Eltern.

Weitere Informationen finden Sie über die jeweilige Website: 

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