Zum Schulstart Freunde finden
„Die meisten Kinder freuen sich auf die Einschulung und sind neugierig darauf.“
Ein Interview mit Peter Carlsen, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie
Der Wechsel von der Kita in die Grundschule ist ein großer Meilenstein für Kinder, aber auch für Eltern. Neben der Vorfreude auf den Schulstart begleitet viele Eltern eine leise Sorge: „Wird unser Kind Anschluss finden? Was, wenn es ausgegrenzt wird und allein auf dem Pausenhof steht?“ Im Interview erklärt Peter Carlsen, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, wie Kinder Freundschaften entwickeln, wie Eltern den Schulstart begleiten können und wann Eltern aufmerksam werden sollten. Außerdem gibt er praktische Tipps, wie Eltern Kontakte fördern, ohne zusätzlichen Druck aufzubauen.
Peter Carlsen: Das ist völlig normal und betrifft sehr viele Eltern. Mit der Einschulung beginnt nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Eltern ein neuer Lebensabschnitt. Der neue Abschnitt verunsichert auch die Eltern: Wie wird ihr Kind in der Schule zurechtkommen? Wird es den schulischen Anforderungen gerecht werden? Und wird es sich in seiner Klasse wohlfühlen und Anschluss finden? Kann es einen guten Kontakt zu den Lehrern und Lehrerinnen herstellen?
Viele Kinder haben bei diesem Umbruch auch emotionale Unsicherheiten, weil sich ihr Leben sehr verändert. So gibt es eine neue Umgebung, andere Kinder, neue Regeln und die Lehrerinnen und Lehrer als wichtige neue, unbekannte Bezugspersonen. Dies stellt eine große soziale Herausforderung dar! Diese Übergangszeit mit entsprechender Anpassung dauert oft bis zu den Herbst- oder Weihnachtsferien.
Natürlich ist das bei jedem Kind anders und zum Beispiel vom individuellen Temperament und Selbstvertrauen abhängig. Unterschiede in der Entwicklung sind normal. Es benötigt schon eine gewisse Zeit, Vertrauen in die neue Situation und zu den Bezugspersonen aufzubauen.
Einige Kinder reagieren eher vorsichtig, andere wiederum sind zu stürmisch. Wichtig hierbei ist es, dass die Kinder ihre Gefühle zeigen und bestenfalls auch benennen können. Dann können sie bei Überforderung leichter um Hilfe bitten – in der Schule wie zu Hause. Trotzdem: Die meisten Kinder freuen sich auf die Einschulung und sind neugierig darauf!
Emotionale Unsicherheiten sind bei Kindern in der Eingewöhnungsphase ganz normal. Sie reagieren häufig regressiv und ziehen sich emotional in eine sichere frühere Entwicklungsphase zurück. Häufig holen Kinder sich in dieser Phase mehr Unterstützung, Wärme und Halt bei den Eltern. Dies ist sehr positiv zu sehen, da sie so ihren Hauptbezugspersonen Signale geben und diese die Sorgen gut aufgreifen können.
Einige Kinder werden ängstlicher, andere auch aggressiver, weil sie sich in der Schule enorm viel Mühe geben – sowohl kognitiv als auch sozial. Deutliche Warnsignale sind zum Beispiel, wenn ein Kind
- äußert, dass es sich in der Klasse nicht wohlfühlt,
- morgens nicht zur Schule gehen zu will,
- Schlafstörungen entwickelt
- oder mit psychosomatischen Beschwerden (z. B. Kopf- oder Bauchweh) reagiert.
Diese Signale sind oft unbewusst und auch indirekt an die Eltern gerichtet und fordern diese auf, Hilfe und Unterstützung zu geben.
Bei deutlich werdenden Warnsignalen sollten sich Eltern mit Klassenlehrerinnen und Klassenlehrern (und ggf. Sozialpädagoginnen oder -pädagogen) in Verbindung setzen, um ein gemeinsames Verständnis der Situation zu entwickeln. Lösungsansätze und daraus folgende Handlungsmöglichkeiten sollten auf Basis eines gemeinsamen Problemverständnisses entwickelt werden.
Aus meiner Sicht ist ein Handeln dann angesagt, wenn mehrere Tage hintereinander leichte bis deutliche Signale der Kinder gesehen werden.
Wichtig ist, dass Kita (zur Vorbereitung des Übergangs), Eltern und Schule eine Bildungsgemeinschaft bilden, in der jeder unterschiedliche Aufgaben hat. Eine gute Vernetzung von Eltern und Schule ist besonders hilfreich, da alle beteiligten Erwachsenen die Entwicklung der Kinder aus ihrer Sicht begleiten und sich austauschen können.
Eltern können Ihr Kind bereits vor der Einschulung zielgerichtet unterstützen. Ein besonderes Augenmerk sollte darauf liegen, die Kinder in ihrem Selbstvertrauen und ihrer Selbstsicherheit zu stärken. Basis hierfür ist eine sichere Beziehung (Bindung) zu den Eltern.
Ebenfalls ist der Kontakt zu den Kitas sehr hilfreich, da die Kinder dort in vertrauter Umgebung langsam einen Zugang zu ihren Gefühlen entwickeln und dann zunehmend empathisch mit anderen Kindern umgehen lernen – besonders wichtig ist das für Einzelkinder. Dies geschieht häufig über Spiele, Kleingruppen-Rollenspiele etc., so dass ein Gefühl der Selbstsicherheit und Selbstbestimmung entsteht. Dieses wird idealerweise von den Eltern noch verstärkt, gerade wenn Kita und Eltern sich gut austauschen können.
In Nordrhein-Westfalen ist oft ein früher Kontakt zwischen Kita und Schule vorgesehen. Diese Schnuppertage oder andere Angebote zum Kennenlernen der zukünftigen Grundschule sind sehr hilfreich, da die Kinder bereits die neue Situation erleben, dadurch mehr Sicherheit bekommen und Ängste im Vorfeld abgebaut werden können. Auch für die Eltern ist das hilfreich.
Viele Eltern versuchen aktiv, Freundschaften anzubahnen. Dies ist oft unterstützend. Wichtig hierbei ist, dass ihr Kind mit einbezogen wird und zum Beispiel in enger Absprache mit ihm eine Zweiersituation in einer sicheren Umgebung gefördert wird. Da die Kinder sehr unterschiedlich sind, kann dies auch länger dauern. Oft ist zunächst die Anwesenheit der Hauptbezugspersonen wichtig.
Auch das frühzeitige Kennenlernen von verschiedenen Gruppensituationen wie Musik- und Bastelgruppen, Sportaktivitäten o. ä. ist hilfreich. Allerdings müssen Kinder bei der Auswahl einbezogen werden und sie müssen Spaß haben und gerne in die Gruppe gehen wollen.
Bei allem Engagement der Eltern sollten diese unbedingt vermeiden, Druck aufzubauen oder über ihr Kind hinweg zu entscheiden. Das würde zu noch mehr Unsicherheiten führen und die Hilflosigkeit der Kinder verstärken.
Eltern sollten ihr Kind in einer ruhigen Situation vorsichtig darauf ansprechen. Sie sollten die Sorgen des Kindes ernst nehmen und sowohl wertschätzend als auch verständnisvoll sein. Gut ist es, wenn die Eltern ruhig bleiben können und nicht dramatisieren. Kinder brauchen in dieser Situation haltende und schützende Eltern.
Günstig wirkt sich auch oft aus, wenn Eltern eigene Erfahrungen in abgemilderter Form mit positivem Ausgang erzählen können. Man kann betonen, dass auch andere Kinder unsicher sind, auch wenn man es ihnen nicht anmerken kann.
Sollte diese belastende Situation über mehrere Tage andauern oder sollten deutliche Zeichen von Ängsten, psychosomatischen Beschwerden etc. auftreten, sollte der Kontakt zu der Klassenlehrerin oder dem Klassenlehrer gesucht werden. Manchmal ist auch danach die Einbeziehung der Schulsozialpädagogin oder des -pädagogen hilfreich.
Mir fällt ein gutes Beispiel einer schüchternen sechsjährigen Schülerin ein. Sie konnte ihren Eltern von ihrem Gefühl der Ausgrenzung erzählen. Das Mädchen suchte gemeinsam mit ihren Eltern ein anderes ebenfalls vorsichtiges Mädchen aus, welches sie sehr nett fand. Die Eltern organisierten daraufhin mehrere Treffen der beiden und schließlich auch einen gemeinsamen Schulweg. Beide wurden gute Freundinnen und fühlten sich gemeinsam stark. Dann kam nach einem Monat noch ein weiteres Mädchen hinzu und sie bildeten eine bleibende Dreiergemeinschaft.
Sollte trotz vieler Bemühungen keine entscheidende Veränderung zum Positiven eintreten, können professionelle Hilfen wie Beratungsstellen, therapeutische Hilfen (Gruppen- oder Einzeltherapie) eine gute Unterstützung sein.
Alle Eltern können ihren Kindern helfen, ihre soziale Entwicklung zu stärken. Seelische Gesundheit ist die wesentliche Grundlage dafür, in der Schule neue Freunde zu finden.
Die Basis hierfür ist eine Bindungssicherheit zu Hause, so dass sich ein grundsätzliches gutes Selbstwertgefühl des Kindes entwickeln kann und sich eine eigene Identität formt. In diesem Sinn ist eine Förderung der Selbstständigkeit enorm wichtig, da Kinder so immer wieder eine gute Selbstwirksamkeit erleben. Die Eltern sind als Vorbild für sozial kompetentes Handeln nicht ersetzbar, da Kinder von ihnen lernen zuzuhören und Konflikte zu lösen. Letztlich sollte ein Kind das Gefühl entwickeln, so wie es ist, „völlig in Ordnung“ zu sein.
Zu Hause können Eltern vor allem über unterschiedliche Spiele (Entdeckungsspiele, Bauspiele, Rollenspiele) ihre Kinder fördern, spielerisch eine handelnde Auseinandersetzung mit der „gesamten Umwelt“ zu üben. So kann sich die Persönlichkeit entwickeln, sowie die Frustrationstoleranz gestärkt werden. Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen Spielkultur, besserer Schulfähigkeit und der Entwicklung sozialer Kompetenzen.
Insgesamt kann man sagen, dass selbstsichere Kinder, die viel Selbstbestimmung kennen und sich deshalb auch gut in andere Kinder hineinversetzen können, gut in der Lage sind, auch in der fremden Schulsituation Freunde zu finden.
Über Peter Carlsen
Peter Carlsen ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. Er engagiert sich bei der Stiftung „Achtung!Kinderseele“ als Kita-Pate und Ko-Projektpate des Pilotprojekts „Schul:stark!“ zur Erleichterung des Übergangs von der Kita in die Grundschule.
Die Stiftung „Achtung!Kinderseele“
Die Stiftung Achtung!Kinderseele fördert die Vernetzung von Eltern und Schule sowie das Wissen um die optimale Förderung sozial-emotionaler Kompetenzen von Vor- und Grundschulkindern mit ihrem Pilotprojekt Schul:stark!. Es wird von der Dr. Hans-Riegel-Stiftung gefördert und soll nach einer Piloptphase in Nordrhein-Westfalen und Hamburg bundesweit ausgerollt werden.
Wir danken der Stiftung „Achtung!Kinderseele“ und ihrem Projekt „Schul:stark!“ für ihre Unterstützung bei diesem Beitrag.