Mit Kindern über Krebs sprechen
„Miteinander sprechen ist der erste Schritt, um als Familie wieder Halt zu finden.“
Ein Interview mit Kathrin Schwickerath von der Krebsgesellschaft Nordrhein-Westfalen e.V.
Wenn ein Familienmitglied an Krebs erkrankt, verändert sich von einem Moment auf den anderen der Alltag der ganzen Familie. Die Krebsgesellschaft Nordrhein-Westfalen e.V. begleitet Menschen mit einer Krebserkrankung und ihre Angehörigen in dieser seelischen Ausnahmesituation. Das Beratungsangebot hilft dabei, mit Ängsten, Stress und Sorgen umzugehen und die Krankheit besser zu verarbeiten. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Beratung von Familien mit minderjährigen Kindern. Im Interview erklärt Kathrin Schwickerath, warum Kinder immer mitbetroffen sind, weshalb ehrliche Gespräche entlasten und welche Unterstützung Familien in dieser Ausnahmesituation bekommen können.
Kathrin Schwickerath: Eine Krebserkrankung betrifft nie nur die erkrankte Person. Sie verändert das Leben der gesamten Familie. Deshalb betrachten wir in unserer Beratung immer das gesamte Familiensystem. Neben Eltern und Kindern können auch Geschwister, Großeltern oder andere enge Bezugspersonen eine wichtige Rolle spielen. Gemeinsam schauen wir, welche Belastungen die Familie gerade erlebt, welche Ressourcen ihr zur Verfügung stehen und welche Unterstützung die Familie gerade braucht.
Das ist immer vom Einzelfall abhängig. Wir führen in der Beratung immer zuerst ein Gespräch mit den Eltern und klären: Wie offen möchten die Eltern mit dem Thema umgehen? Was dürfen wir kommunizieren? Wir zeigen dann Möglichkeiten auf, altersgerecht mit der Erkrankung umzugehen.
Schon sehr junge Kinder nehmen Veränderungen sensibel wahr. Sie spüren, wenn Mutter oder Vater häufiger behandelt wird, erschöpft wirkt oder im Familienalltag plötzlich nicht mehr alles möglich ist.
Bekommen Kinder dafür keine Erklärung, suchen sie die Ursache oft bei sich selbst. Deshalb empfehlen wir, mit den Kindern zu sprechen und entwicklungsgerecht zu erklären, dass eine Erkrankung vorliegt. Das bedeutet aber nicht, sie detailreich mit Informationen zu überfordern. Entscheidend ist immer:
- Wie alt ist das Kind?
- Was möchte es wissen?
Manche Kinder stellen viele Fragen, andere möchten zunächst nur wenig erfahren. Beides ist in Ordnung.
Kinder entwickeln häufig ihre eigenen Erklärungen. Vielleicht fragen sie sich „Habe ich was falsch gemacht?“ oder „Bin ich schuld?“. Ich erinnere mich an ein Kind in der Beratung, das glaubte, die Krebserkrankung der Mutter verursacht zu haben, weil es ihr nach einem Streit einmal Bauchschmerzen gewünscht hatte. Solche Schuldgefühle können Kinder stark belasten.
Deshalb ist es so wichtig, ihnen einen geschützten Raum zu geben, in dem sie ihre Ängste aussprechen dürfen und wir sie gemeinsam einordnen können. Unser Ziel in den Gesprächen ist es, unausgesprochene Gedanken und Gefühle sichtbar zu machen, bevor sich Ängste und Schuldgefühle verfestigen.
Am besten in kleinen Schritten. Niemand muss beim ersten Gespräch alles erklären. Wichtig ist, auf die Fragen des Kindes altersgerecht einzugehen. Kinder bestimmen häufig selbst, wie viele Informationen sie gerade aufnehmen möchten.
Ein Tipp ist, auf die eigene Wortwahl zu achten. Ein Beispiel: Wenn vom Sterben gesprochen wird, wird oft eine typische Formulierung wie „die Person ist eingeschlafen“ verwendet. Kinder aber können das leicht missverstehen und dadurch Ängste vor dem zu Bettgehen entwickeln. Ehrliche, altersgerechte Erklärungen geben dagegen Orientierung und Sicherheit.
Was Eltern auch möglichst vermeiden sollten, ist, falsche Erwartungen zu wecken. Sie sollten ihrem Kind möglichst nichts versprechen, was sie später nicht einhalten können. Statt zu sagen: „Morgen machen wir was Schönes“, ist es ehrlicher zu formulieren: „Ich möchte den Ausflug bald mit dir machen, aber ich muss schauen, wann ich genug Kraft dafür habe.“ Das schafft Vertrauen und nimmt Kindern die Enttäuschung, wenn Pläne kurzfristig geändert werden müssen.
Wir können betroffene Familien genau in diesen Situationen einfühlsam begleiten und alltagsnahe Tipps geben.
Das ist ganz unterschiedlich und richtet sich nach dem Einzelfall, dem Alter und der Persönlichkeit des Kindes. Manche Kinder möchten einfach reden. Andere drücken ihre Gefühle beim Malen, Basteln oder Spielen aus. Dafür nutzen unsere systemischen Familientherapeutinnen und -therapeuten zum Beispiel kreative Methoden wie Handpuppen oder Figuren. Unser Ziel ist es, Kindern zu helfen, ihre Sorgen auszudrücken und einen guten Umgang mit der belastenden Situation zu finden. Dafür bieten wir einen geschützten Raum. So können Ängste verarbeitet werden, bevor sie sich verfestigen.
Das erleben wir tatsächlich häufig. Viele Familien fühlen sich nach der Diagnose oft orientierungslos. Genau hier setzen wir an. Wir verstehen uns als Lotsen durch das Hilfesystem. Gemeinsam schauen wir, welche Unterstützung gerade hilfreich ist. Manchmal reicht eine psychoonkologische Beratung. In anderen Fällen vermitteln wir an Selbsthilfegruppen oder weitere regionale Angebote.
Niemand muss mit seinen Sorgen allein bleiben oder sich allein durch den Hilfedschungel kämpfen. In den meisten Fällen hilft der Austausch mit anderen Menschen – sei es mit Fachkräften, Angehörigen oder Betroffenen in einer Selbsthilfegruppe. Wer seine Gedanken teilt, merkt häufig, dass sich Belastungen besser einordnen lassen und neue Perspektiven entstehen.
Unser kostenfreies Angebot richtet sich an die ganze Familie. Wir begleiten Familien, wenn Mutter oder Vater an Krebs erkrankt ist, aber auch Eltern, deren Kind eine Krebserkrankung hat. Das Angebot der Krebsgesellschaft NRW ist besonders, denn viele Krebsberatungsstellen beraten vor allem Erwachsene. Für uns sind an allen Standorten speziell ausgebildete systemische Familientherapeutinnen und -therapeuten tätig, die Kinder und Jugendliche begleiten können.
Unser Angebot darf allerdings nicht über die Beratung hinausgehen. Das heißt: Wir dürfen Familien begleiten und dabei unterstützen, dass sie alle Erlebnisse gut verarbeiten können. Wir können jedoch keine psychotherapeutische Behandlung übernehmen, beispielsweise bei depressiven Symptomen oder einer Angststörung. In diesen Fällen stehen wir aber natürlich immer gerne bei der Vermittlung an eine passende Stelle zur Seite.
Die Beratung erfolgt immer so lange, wie Familien Unterstützung benötigen. Manche Familien nehmen ein Beratungsgespräch wahr, andere begleiten wir über Monate oder sogar Jahre. Unser Beratungsangebot ermöglicht einen Einstieg in jeder Phase: Die Unterstützung ist bereits bei einem Krebsverdacht möglich, während der Behandlung, in der Nachsorge oder auch noch Jahre später, wenn daraus eine Belastung entstanden ist. Auch Familien, die eine angehörige Person verloren haben, begleiten wir und können Ihnen auf Wunsch Kontakte einer externen Trauerbegleitung vermitteln.
Unsere Beratung ist grundsätzlich kostenfrei, vertraulich und ohne ärztliche Überweisung möglich. Betroffene Familien sowie Kinder und Jugendliche können sich – je nach Alter auch ohne Begleitung – persönlich, telefonisch oder digital an uns wenden. Niemand muss erst nachweisen, wie belastend die Situation ist. Voraussetzung ist nur, dass die Belastung mit einer Krebserkrankung zusammenhängt.
Viele Familien sagen uns noch Jahre später, wie gut es ihnen getan hat, ihre Sorgen mit jemanden teilen zu können. Deshalb möchte ich allen Betroffenen Mut machen: Bleiben sie aktiv und trauen sie sich den Kontakt zu suchen. Keine Frage und keine Sorge ist zu klein, um sich nicht an eine Krebsberatungsstelle zu wenden. Trauen Sie sich Kontakt zu suchen. Miteinander sprechen ist der erste Schritt, um als Familie wieder Halt und Orientierung zu finden.
Über Kathrin Schwickerath
Kathrin Schwickerath ist Präventions- und Gesundheitsmanagerin (M.A.) sowie Psychoonkologin. Seit 2019 ist sie bei der Krebsgesellschaft Nordrhein-Westfalen e.V. tätig. Im Juni 2022 übernahm sie die Leitung des Fachbereichs „Psychoonkologie und psychosoziale Versorgung“.
Ein besonderes Anliegen von ihr ist die Verbesserung der psychosozialen und psychoonkologischen Versorgung von Menschen mit Krebs und deren Angehörigen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der bedarfsgerechten Weiterentwicklung bestehender Angebote sowie deren Anpassung an aktuelle gesellschaftliche und gesundheitspolitische Herausforderungen.
Krebsgesellschaft Nordrhein-Westfalen e.V.
Die Krebsgesellschaft Nordrhein-Westfalen e.V. mit Sitz in Düsseldorf betreibt Krebsberatungsstellen in:
- Bochum mit Nebenstelle in Dortmund,
- Düsseldorf mit Außensprechstunden in Düsseldorf-Kaiserswerth und Neuss,
- Rhein-Erft mit Außensprechstunden in Kerpen, Hürth und Wesseling
- Olpe mit Außensprechstunden in Siegen-Eiserfeld und Siegen-Weidenau.
Wir danken der Krebsgesellschaft Nordrhein-Westfalen e.V. für Ihre Unterstützung bei diesem Beitrag.
Wo gibt es Hilfe und Beratung?
In Nordrhein-Westfalen gibt es derzeit 27 ambulante psychosoziale Krebsberatungsstellen. Die Beratungen sind kostenfrei und vertraulich. Die telefonische Erstauskunft gibt Orientierung und zeigt Hilfsmöglichkeiten auf. Sie ist erreichbar unter: 0211 30201757
Die Adressen der Krebsberatungsstellen in NRW sowie die Krebsberatungsstellen der Krebsgesellschaft NRW e.V. finden Sie auf der Internetseite der Krebsgesellschaft.
Die Deutsche Krebshilfe steht Betroffenen nach einer Krebsdiagnose mit dem Team vom Infonetz Krebs zur Seite. Die kostenlose Rufnummer lautet 0800 80708877. Anfragen können auch per E-Mail an krebshilfe@infonetz-krebs.de gesendet werden.
Im Servicebereich des Krebsinformationsdienstes finden Sie eine Adresssuche nach psychosozialen Krebsberatungsstellen.
Das Haus der Krebs-Selbsthilfe – Bundesverband e. V. ist die Dachorganisation von 11 Bundesverbänden der Krebs-Selbsthilfe mit insgesamt etwa 1.500 Selbsthilfegruppen. Sie vermitteln unabhängige Informationen zu den verschiedenen Krebserkrankungen und zur Krankheitsbewältigung und bieten Anlaufstellen vor Ort, am Telefon oder in Foren für einen Austausch jenseits des Arztgesprächs.