Portrait Julia Ebhardt
Interview

Depression bei Kindern und Jugendlichen erkennen

Ein Interview zu Symptomen, Warnzeichen und Hilfen für Eltern.

Text zuletzt aktualisiert: 01.09.2026

„Depressionen bei Kindern und Jugendlichen sind gut behandelbar. Je früher sie erkannt werden, desto besser sind die Behandlungschancen.“

Ein Interview mit Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Julia Ebhardt
Viele Kinder und Jugendliche wirken in der Pubertät zeitweise traurig, gereizt oder ziehen sich zurück. Doch wann steckt mehr dahinter? Woran können Eltern eine Depression erkennen? Und wie können sie ihrem Kind helfen? Darüber haben wir mit Julia Ebhardt, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin bei FIDEO – einem Angebot des Diskussionsforum Depression e.V. im Partnernetzwerk der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention – gesprochen.

Familienportal.NRW: Frau Ebhardt, ist es nur eine gefühlte Beobachtung oder nimmt die Zahl der Depressionen bei Kindern und Jugendlichen tatsächlich zu?

Julia Ebhardt: Ja, wir beobachten beides: Zum einen wird heute offener über psychische Erkrankungen gesprochen. Eltern und Jugendliche suchen deshalb eher Hilfe als früher. Zum anderen zeigen Studien, dass psychische Belastungen seit der Corona-Pandemie tatsächlich zugenommen haben. Das ist übrigens eine weltweite Beobachtung. Besonders depressive Symptome, Ängste und Essstörungen treten häufiger auf als noch vor einigen Jahren. Auch nach dem Ende der Pandemie sind die Zahlen nicht wieder auf das frühere Niveau zurückgegangen. 

Dafür gibt es aber nicht nur einen einzigen Grund. Die gesellschaftlichen Krisen, Leistungsdruck, Stress, soziale Medien und persönliche Veranlagungen wirken oft zusammen. Die Entstehung psychischer Erkrankungen ist immer ein Zusammenspiel vieler Faktoren.

Eine Depression ist nicht auf den ersten Blick erkennbar, die Symptome sind oft individuell verschieden. Wenn Eltern Veränderungen im Verhalten ihres Kindes beobachten: Woran können sie erkennen, dass mehr dahinterstecken könnte als eine schwierige Phase in einer normalen Entwicklung?

Ein schlechter Tag oder eine schlechte Woche sind noch kein Grund zur Sorge. Entscheidend ist, ob sich ein Kind über mehrere Wochen deutlich verändert und diese Veränderungen den Alltag spürbar beeinträchtigen. 

Viele Eltern kennen ihr Kind sehr gut. Wenn sie merken: „Dieses Verhalten passt gar nicht zu meinem Kind oder mein Kind hat sich so sehr verändert“ – dann sollten sie aufmerksam werden. 

„Wenn Eltern dann sagen „Geh doch mal raus zu deinen Freunden.“ kann das für das betroffene Kind schon wie ein unüberwindbarer Berg wirken.”
Welche Warnsignale werden besonders häufig übersehen?

Viele denken zunächst, ihr Kind habe einfach keine Lust oder es fehlt die Motivation. Dabei ist genau das oft ein Missverständnis. Jugendliche mit einer Depression wollen häufig nicht „nicht“ – sie können einfach nicht. Typisch für die Erkrankung ist, dass es sich anfühlt, als läge ein schwerer Schleier über allem. Selbst kleine Aufgaben wirken plötzlich riesengroß. Wenn Eltern dann sagen: „Räum doch einfach mal den Geschirrspüler aus.“ oder „Geh doch mal raus zu deinen Freunden.“ kann das für das betroffene Kind schon wie ein unüberwindbarer Berg wirken.  

Welche Veränderungen im Alltag sollten Eltern ernst nehmen?

Besonders aufmerksam sollten Eltern werden, wenn ihr Kind 

  • sich immer weiter zurückzieht, 
  • Freundschaften vernachlässigt,  
  • Hobbys ohne Grund aufgibt, 
  • schlechter schläft, 
  • kaum noch Appetit hat, 
  • sich in der Schule nicht konzentrieren kann, 
  • plötzlich deutlich schlechtere Noten schreibt oder 
  • hoffnungslos wirkt. 

Manchmal zeigen sich Veränderungen auch darin, dass ganz alltägliche Dinge nicht mehr geschafft werden: Das Kind beantwortet keine WhatsApp-Nachrichten mehr, sagt Verabredungen ab, duscht tagelang nicht oder trägt immer wieder das gleiche T-Shirt, weil ihm alles gleichgültig geworden ist.

Zeigt sich eine Depression bei jüngeren Kindern anders als bei Jugendlichen?

Ja, das kann man sagen. Die Symptome hängen auch vom Alter ab. Kleinere Kinder weinen beispielsweise häufiger, ziehen sich zurück oder bauen kaum Freundschaften auf. Bei Jungen sehen wir oft mehr Gereiztheit und Frustration oder Wut.

Jugendliche dagegen verlieren häufig das Interesse an Dingen, die ihnen früher wichtig waren. Sie treffen Freunde kaum noch, geben Hobbys auf oder ziehen sich komplett in ihr Zimmer zurück. 

„Viele Jugendliche verstehen selbst nicht, was mit ihnen passiert.”
Wie können Eltern reagieren und ein Gespräch beginnen, ohne gleich Abwehr zu riskieren oder Druck aufzubauen?

Hilfreich ist es, konkrete Beobachtungen auszusprechen. Zum Beispiel: „Mir ist aufgefallen, dass du dich in letzter Zeit kaum noch mit Freunden triffst. Ich habe gesehen, dass du schon mehrfach das Training abgesagt hast. Ich mache mir Sorgen um dich. Gibt es etwas, was dich belastet? Kann ich dich irgendwie unterstützen?“ 

Damit fühlt sich ein Kind deutlich weniger unter Druck gesetzt als mit Aussagen wie: „Ich glaube, du hast eine Depression.“ Eltern müssen keine Diagnose stellen. 

Vermutlich ist die erste Reaktion erstmal Abblocken. Was ist, wenn das Kind gar nicht reden möchte?

Das kommt sogar sehr häufig vor. Viele Jugendliche verstehen selbst nicht, was mit ihnen passiert. Manche möchten ihre Eltern nicht zusätzlich belasten oder glauben, sie müssten das Problem alleine lösen. Dann hilft vor allem eins: Geduld. 

Eltern können sagen: „Das ist in Ordnung, wenn du heute nicht darüber sprechen möchtest. Ich frage dich in ein paar Tagen noch einmal.“ Wichtig ist, dranzubleiben und das Thema nicht wieder fallen zu lassen. 

Eltern dürfen sich auch selbst Unterstützung holen, wenn das Kind zum Beispiel jede Hilfe ablehnt. Erziehungs- und Familienberatungsstellen sind hier die richtigen Anlaufstellen. Die ausgebildeten Fachkräfte dort können gemeinsam mit den Eltern überlegen, wie Gespräche gelingen können. 

Oft öffnen sich Jugendliche zunächst gegenüber Freundinnen und Freunden oder Schulsozialarbeitenden. Auch das kann ein erster Schritt sein.  

„Eltern dürfen sich auch selbst Unterstützung holen.”
Gibt es Dinge, die Eltern aus Ihrer Sicht unbedingt vermeiden sollten?

Vor allem Druck oder Drohungen sind nicht hilfreich. Sätze wie „Reiß dich zusammen.“, „Wenn das nicht besser wird, dann…“ oder „Du musst einfach mal wieder rausgehen.“ führen meist nicht weiter. 

Besser ist eine ruhige, wertschätzende Haltung. Aber: Eltern müssen keine perfekten Worte finden. Entscheidend ist, dass das Kind spürt: „Ich bin nicht allein.“ 

Wann sollten Eltern professionelle Hilfe suchen?

Grundsätzlich sagen wir: „Lieber einmal zu früh als einmal zu spät.“ Wenn sich die Stimmung über mindestens zwei Wochen deutlich verschlechtert und der Alltag kaum noch gelingt, sollten Eltern ärztlichen Rat einholen. Je früher eine Depression behandelt wird, desto besser sind die Aussichten auf eine erfolgreiche Behandlung. 

Erste Anlaufstelle bei einer Erkrankung oder dem Verdacht einer Depression sind die Kinder- und Jugendarztpraxis oder die Hausarztpraxis. Von dort aus können die nächsten Schritte eingeleitet werden.  

Akute Krise: Sofortige Hilfe gebraucht? 

Wenn ihr Kind dunkle Gedanken hat oder darüber nachdenkt, sich etwas anzutun oder sich selbst verletzt, sollten Sie sofort Hilfe suchen:  

  • Suchen Sie Ihren behandelnden Arzt oder die Ärztin auf. 
  • Wenden Sie sich an die nächste (psychiatrische) Klinik.  
  • Wählen Sie bei Lebensgefahr den Notruf 112.
Therapieplätze sind rar, die Wartezeiten oft lang. Was können Eltern tun, während die Familie auf einen Therapieplatz wartet?

Die Wartezeit kann belastend sein und sollte nicht ungenutzt verstreichen. Erziehungs- und Familienberatungsstellen, Schulsozialarbeit sowie seriöse Online-Angebote wie FIDEO können Familien bereits in dieser Zeit Orientierung, Entlastung und erste Unterstützung bieten. 

Wann handelt es sich um einen Notfall?

Wenn ein Kind konkrete Suizidgedanken äußert, einen Abschiedsbrief schreibt oder sich schwer selbst verletzt, müssen Eltern sofort handeln. Dann sollten sie unverzüglich in die nächstgelegene Klinik fahren oder den Notruf 112 wählen. Wichtig ist auch: In einer akuten Krise dürfen Eltern ihr Kind niemals allein lassen. 

„Depressionen sind keine Charakterschwäche und kein Zeichen eines schlechten Erziehungsverhaltens.”
Wenn ein Kind an einer Depression erkrankt, fragen sich viele Eltern, ob sie Fehler gemacht haben oder Mitschuld an der Erkrankung tragen. Zu Recht?

Nein, es kommen immer viele Faktoren zusammen. Eine Depression entwickelt sich bei einer entsprechenden Veranlagung, die genetisch oder durch frühe Traumatisierungen entsteht. Auslöser der Erkrankung können dann anhaltende Konflikte, chronischer Stress, Lebensereignisse wie ein Schulwechsel oder hormonelle Veränderungen wie der Beginn der Pubertät sein. Die Erkrankung kann jeden treffen. 

Viel wichtiger ist etwas anderes: Dass Eltern hinschauen, Veränderungen ernst nehmen und Hilfe organisieren. Genau darin liegt ihre wichtigste Aufgabe.  

Was möchten Sie Eltern aus Ihrer langjährigen Erfahrung in der Beratung und Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit depressiven Erkrankungen mit auf den Weg geben?

Depression ist eine Erkrankung, die bei Kindern und Jugendlichen gut behandelbar ist. Je früher eine Erkrankung erkannt wird, desto besser sind die Chancen auf eine erfolgreiche Behandlung. Mein Appell an Eltern lautet daher: „Warten Sie nicht monatelang ab, in der Hoffnung, dass es von allein weggeht. Fragen Sie lieber einmal zu viel nach Hilfe als einmal zu wenig.“ 

Wichtig ist mir auch: Depressionen sind keine Charakterschwäche und Eltern sind auch nicht automatisch schuld an der Erkrankung. Denn es ist eben eine ernstzunehmende Erkrankung, die aus dem Zusammenspiel vieler verschiedener Faktoren entsteht. Wer früh Hilfe sucht, schafft die besten Voraussetzungen dafür, dass Kinder und Jugendliche wieder gesund werden. Eltern und Kinder müssen diesen Weg nicht allein gehen. Es gibt viele Menschen und Einrichtungen, die Familien unterstützen. 

Frau Ebhardt, vielen Dank für das Gespräch!
(Das Gespräch wurde 2026 geführt.)

Über Julia Ebhardt

Julia Ebhardt ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, Projektkoordinatorin von FIDEO und mit verantwortlich für die gemeinsamen Social-Media-Kanäle der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention sowie des Diskussionsforums Depression e.V.. Der Verein engagiert sich für die digitale Selbsthilfe bei Depression. Ziel ist es, das gesundheitliche Wohl von depressiv erkrankten Menschen zu fördern und den Austausch zwischen Betroffenen und Angehörigen zu ermöglichen. 

Wir danken dem Diskussionsforum Depression e.V. im Partnernetzwerk der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention mit ihrem Angebot FIDEO für die Unterstützung bei diesem Beitrag. 

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Logo Diskussionsforum Depression
Logo FIDEO

Wo finden wir Hilfe und Beratung? 

Bei ersten Sorgen: 

Wenden Sie sich an Ihre Kinder- und Jugendarztpraxis oder die Hausarztpraxis. 

 

Wenn Sie Infos und Anlaufstellen suchen: 

Das Info-Telefon Depression der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention für Infos und Anlaufstellen ist erreichbar unter: 0800 334 4533

Sprechzeiten: montags, dienstags, donnerstags 13 bis 17 Uhr, mittwochs und freitags 8:30 bis 12:30 Uhr. 

 

Wenn Sie einen Therapieplatz suchen: 

  • Über die Telefonnummer 116 117 oder die Webseite 116117.de können Betroffene eine erste Sprechstunde über die Kassenärztliche Vereinigung vereinbaren.  
  • Psychotherapeutinnen und -therapeuten sowie Psychiaterinnen und Psychiater in der Nähe können über die Webseite 116117.de, das Internet oder Branchenverzeichnis gesucht werden.  
  • Ausbildungsinstitute für Psychotherapeutinnen und -therapeuten sind ebenfalls eine Möglichkeit, um ggfs. schneller einen Termin zu bekommen. Hier erfolgt die Behandlung dann über Personen, die sich noch in der Ausbildung befinden.  
  • Ein weiterer Weg ist die Suche über die Psychotherapeutischen Hochschulambulanzen, falls diese in der Nähe einen Standort haben. 

 

Wenn Ihrem Kind das Reden schwer fällt und es lieber schreiben möchte: 

 

Für Angehörige: 

Der BApK e.V. unterstützt Angehörige psychisch erkrankter Menschen durch Selbsthilfegruppen in Wohnortnähe für Angehörige.  

 

In einer Krise: 

  • Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenfrei erreichbar: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 
  • Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 116 111 
  • Das muslimische SeelsorgeTelefon ist erreichbar unter: 030 443 509 821 
  • Die russische Telefonseelsorge ist erreichbar unter: 030 440 308 454 

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