Demokratie beginnt in der Familie
„Kinder und Jugendliche sollten erleben, dass ihre Stimme zählt und dass sie mit ihren Ideen etwas bewirken können.“
Ein Interview mit Kathrin Fehse von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung
Demokratie beginnt nicht erst bei Wahlen oder in der Politik – sie wird schon im Familienalltag gelebt. Wie Kinder und Jugendliche ermutigt werden können, ihre Meinung einzubringen und unsere Gesellschaft aktiv mitzugestalten, und welche Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe es gibt, darüber spricht Kathrin Fehse von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung im Interview.
Kathrin Fehse: Demokratisches Handeln beginnt lange vor der ersten Wahl. Kinder entwickeln die dafür erforderlichen Kompetenzen vor allem durch Erfahrungen im Alltag. Dazu gehört unter anderem die Fähigkeit, die eigene Meinung zu äußern, anderen zuzuhören, unterschiedliche Perspektiven zu respektieren und Konflikte konstruktiv zu lösen.
Ebenso wichtig sind Empathie, Verantwortungsübernahme und das Verständnis, dass Entscheidungen ausgehandelt werden können und nicht immer alle Wünsche gleichzeitig erfüllt werden. Kinder und Jugendliche sollten erleben, dass ihre Stimme zählt und dass sie mit ihren Ideen etwas bewirken können. Diese Erfahrung von Selbstwirksamkeit stärkt politisches Interesse und ist eine zentrale Grundlage für spätere gesellschaftliche Teilhabe.
Demokratiebildung bedeutet aber mehr als die Förderung einzelner Fähigkeiten. Sie unterstützt Kinder dabei, gesellschaftliche Zusammenhänge zu verstehen, demokratische Werte kennenzulernen und zu verteidigen, aber auch eigene Erfahrungen mit Beteiligung einzuordnen. Demokratiebildung stärkt damit nicht nur Kompetenzen, sondern auch Haltungen und Orientierungen, die für demokratisches Zusammenleben entscheidend sind.
Vor allem durch Vorleben. Kinder lernen weniger durch Erklärungen als durch das, was sie im Alltag erleben. Wenn Eltern zuhören, andere Meinungen ernst nehmen und Konflikte respektvoll austragen, erfahren Kinder ganz praktisch, wie demokratisches Miteinander funktioniert.
Besonders wichtig ist es, Kinder regelmäßig nach ihrer Meinung zu fragen, ihre Perspektiven ernst zu nehmen und sie in Entscheidungen einzubeziehen. Dabei geht es nicht darum, dass Kinder immer bestimmen dürfen. Entscheidend ist, dass Eltern klar mitteilen, wann echte Mitbestimmung möglich ist und wann sie aufgrund ihrer Verantwortung selbst entscheiden müssen.
Auch Gespräche über Fairness, Gerechtigkeit oder aktuelle Fragen aus dem Alltag stärken demokratische Werte und Kompetenzen. So lernen Kinder, eigene Positionen zu entwickeln und gleichzeitig die Bedürfnisse anderer zu berücksichtigen.
Entscheidend ist dabei die Haltung der Erwachsenen, Kindern etwas zuzutrauen. Kinder sind täglich mit politischen Themen konfrontiert. Sie sind Teil unserer Gesellschaft und wollen und können Politik und Demokratie aktiv mitgestalten. Auch im Grundschulalter entwickeln sie ein deutliches Interesse an politischen und gesellschaftlichen Fragen und setzen sich aktiv mit Themen des Zusammenlebens auseinander. Die Forschung zeigt, dass sie über politische Kenntnisse, Interessen und Orientierungen verfügen und gesellschaftliche Themen aufmerksam beobachten. Sie nehmen Ungerechtigkeiten wahr, diskutieren Regeln und entwickeln eigene Vorstellungen davon, wie Zusammenleben organisiert sein sollte.
Demokratiebildung braucht keine zusätzlichen Termine, sie findet ohnehin jeden Tag statt. Schon bei Fragen wie „Was essen wir heute?“, „Was machen wir am Wochenende?“ oder „Welche Regel brauchen wir für das gemeinsame Zusammenleben?“ können Kinder mitentscheiden.
Besonders wertvoll sind Situationen, in denen unterschiedliche Interessen zusammenkommen. Wenn Familien gemeinsam Lösungen finden oder Kompromisse aushandeln, lernen Kinder, eigene Wünsche zu vertreten und zugleich auf andere Rücksicht zu nehmen. Konflikte sind ideale Lerngelegenheiten.
Für ältere Kinder und Jugendliche können auch Familienräte oder regelmäßige Gesprächsrunden hilfreich sein. Dort werden Entscheidungen gemeinsam besprochen, unterschiedliche Meinungen gehört und Themen diskutiert, die die Familie betreffen. So wird Demokratie unmittelbar erfahrbar.
Aber es gilt vor allem, die Fragen und Themen junger Menschen ernst zu nehmen. Das bedeutet, ihre Anliegen aufzugreifen und gemeinsam Bezüge zu gesellschaftlichen und politischen Fragen herzustellen. Kinder beobachten sehr genau, ob ihre Meinungen wirklich zählen oder ob Beteiligung nur symbolisch stattfindet. Sie hören Erwachsenen beim Gespräch mit der Nachbarin zu oder beobachten Diskussionen am Abendbrottisch. Diese alltäglichen Erfahrungen sind ein wichtiger Ausgangspunkt für demokratisches Lernen. In unserem Reflexionstool Demokratiebildung zeigen wir regelmäßig, wie wir jungen Menschen Räume dafür schaffen können und gleichzeitig auch, wie aktuelle Fragestellungen und gesellschaftliche Debatten mit Kindern besprochen werden können.
Jugendliche haben heute viele Möglichkeiten, sich einzubringen. Sie können sich in Jugendparlamenten, in der Schülervertretung oder kommunalen Beteiligungsformaten engagieren. Auch Vereine, Initiativen, Jugendverbände oder ehrenamtliche Projekte bieten Räume, um Verantwortung zu übernehmen und Veränderungen mitzugestalten.
Darüber hinaus engagieren sich viele Jugendliche zu Themen, die sie unmittelbar betreffen, etwa Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit, Vielfalt oder die Gestaltung ihrer Schule und ihres Wohnumfelds. Politische Beteiligung beginnt nicht erst in Parteien oder Parlamenten. Sie findet überall dort statt, wo junge Menschen ihre Anliegen einbringen und gemeinsam mit anderen etwas verändern wollen.
Wichtig ist, dass Jugendliche erleben, dass ihr Engagement Wirkung entfalten kann und ihre Perspektiven ernst genommen werden.
Gute erste Ansprechpartner sind häufig Schulen, Jugendzentren oder lokale Vereine. Dort gibt es oft Informationen zu Beteiligungsprojekten, Ehrenamt, Jugendparlamenten oder kommunalen Mitwirkungsmöglichkeiten.
Auch Fachkräfte der Jugendarbeit, Lehrkräfte oder Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter können Kinder und Jugendliche dabei unterstützen, passende Angebote zu finden. Viele Kommunen verfügen zudem über Kinder- und Jugendbüros oder Beteiligungsstellen, die gezielt Möglichkeiten zur Mitbestimmung vermitteln. Auch die Stadt- und Kreisjugendringe sind geeignete Anlaufstellen.
Wichtig ist die Botschaft: Niemand muss sofort ein großes politisches Amt übernehmen. Oft beginnt gesellschaftliche Teilhabe mit kleinen Schritten, zum Beispiel einer Idee für die Schule, einem Projekt im Stadtteil oder dem Engagement in einem Verein. Entscheidend ist, den ersten Schritt zu machen und die Erfahrung zu sammeln: Meine Stimme zählt.
Über Kathrin Fehse
Kathrin Fehse ist Expertin für Demokratiebildung bei der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Sie engagiert sich dafür, demokratische Teilhabe zu fördern und allen Kindern und Jugendlichen faire Beteiligungschancen zu eröffnen.
Wir danken der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung für ihre Unterstützung bei diesem Beitrag.